„If it’s not a Boeing, I’m not going.“

Es gibt wohl keinen Flughafen, den er nicht gesehen und keine Wetterlage, die er nicht durchflogen hat. Zum 65. Geburtstag Anfang Februar war dann Schluss – Joe Moser verabschiedete sich in die Pilotenrente. Zeit für einen kleinen Rückblick.

Der langjährige Flugkapitän Joe Moser im Gespräch mit mephisto 97.6 Moderator Yannick Jürgens.

Wäre es nach den gängigen Klischees gegangen, die Tirolern auch heute noch nachhängen, dann hätte aus Joe Moser eigentlich ein Bergsteiger oder Skifahrer werden müssen – er hingegen wählte einen anderen Weg. 1953 geboren, wuchs er in direkter Nähe zum Innsbrucker Flughafen auf. Die zahlreichen Sport-, Privat und Segelflieger am heute drittgrößten Airport der Alpenrepublik ließen da einen anderen Berufswunsch aufkommen: Pilot.

Langer Weg ins Cockpit

Joe Moser verfolgte dieses Ziel mit viel Ehrgeiz. Bereits mit 14 Jahren saß er im Cockpit von Segelflugzeugen, später folgten Lizenzen für Motorflugzeuge und das Fallschirmspringen. Nach dem Abitur zog es ihn dann nach Deutschland, genauer gesagt nach Mühlheim an der Ruhr, wo auch heute noch die Fachschule für Luftfahrzeugführer ihren Sitz hat. Es ist die älteste private Flugschule für Berufspiloten in Deutschland. Sie zählt zu den anerkanntesten Schulen in Deutschland. Nach seinem Abschluss führte es ihn direkt ins Cockpit.

Pilotenkarriere als Option

Der lange Weg von ersten Fluglizenzen bis hin zum ausgebildeten Piloten bezeichnet Moser zwar als klassisch, allerdings sei dieser Werdegang immer seltener. Stattdessen würden junge Menschen die Karriere als Pilot eher als Option betrachten, die sie erst nach dem Schulabschluss ergreifen. Das führe letztendlich dazu, dass viele junge Piloten das Fliegen nicht mehr von der Pieke auf erlernen. Daher fehle es modernen Piloten an grundlegenden fliegerischen Fähigkeiten – der Pilot hat infolgedessen eher eine systemüberwachende als eine systemsteuernde Rolle.

Flache Hierachien

Zu Beginn seiner Karriere beim Ferienflieger LTU wären sich die Piloten ihrer Rolle noch voll und ganz bewusst gewesen, so Moser. Das führe aber auch dazu, dass der Kapitän nicht nur das letzte Wort, sondern auch die absolute Entscheidungsgewalt hatte. Der Co-Pilot hingegen wurde – trotz seiner gleichwertigen Pilotenausbildung – vom Kapitän auch gern ignoriert. Dieses Verhalten hat vor allem in den 1970er Jahren zu zahlreichen schweren Flugzeugunglücken beigetragen. Daraufhin wurde das Crew-Ressource-Management eingeführt. Dadurch soll die Zusammenarbeit im Cockpit durch eine flachere Hierarchie und abgestimmte Kommunikation verbessert werden. So können zum Beispiel in Notsituation die Aufgaben besser verteilt werden.

Kameras im Flugzeug

Doch trotz des übergesteigerten Egos einiger LTU-Kollegen fühlte sich Moser beim Ferienflieger wohl und blieb dort für viele Jahre. Er wurde Kapitän und später Chefpilot. In all den Jahren gab es kaum Orte, an die er nicht flog. Mögen es Destinationen in Fernost oder das von Moser immer gern angeflogene Havanna sein, so sind es aber vor allem die Flüge zum Nordpol und auf die Malediven, die ihn auch außerhalb des Cockpits bekannt gemacht haben. Denn die von Thomas Aigner produzierten Dokumentationen von PilotsEYE.tv haben Moser auf dem Weg zu diesen besonderen Zielen begleitet. Die Filme bieten einen detaillierten Einblick in die Arbeit im Cockpit. Dabei werden alle Flugphasen vom Beobachterplatz aus mit mehreren Kameras aufgenommen und auf Spielfilmlänge zusammengefasst. Was für den Zuschauer ein spannendes Filmerlebnis ist, kann für die Cockpitbesatzungen als Protagonisten aber auch unangenehme Momente bereithalten, weiß Moser im Interview zu berichten.

Was Joe Moser im Interview mit Moderator Yannick Jürgens über seine Pilotenkarriere zu erzählen weiß, können Sie hier nachhören:

Redaktion: Annika Sparenborg, Thomas Tasler und Moritz Fehrle

Die besten Nazi-Prozesse Deutschlands

Ein Ruck muss durch Deutschland gehen. Das hat schon Roman Herzog vor einigen Jahren befunden. Blöd nur, dass so ein Ruck auch in die falsche Richtung gehen und dann vor dem Kadi landen kann.

Obwohl der deutschen Justiz schon seit einer gefühlten Ewigkeit der Ruf vorauseilt, auf dem rechten Auge nicht ganz so gut zu sehen, schlagen die Damen und Herren auf den Richterbänken doch immer mal wieder eine kleine Kurskorrektur ein. Vor einigen Jahren noch unvorstellbar, erleben wir nun überall in Deutschland ein Revival der Prozesse gegen Neonazis. Als Social-Media-Influencer Master Justice haben ich mir die wichtigsten Verfahren genauer angesehen und ein Ranking erstellt.

Den für das Satiremagazinvon mephisto 97.6 produzierten Beitrag zum Nachhören:

Burki auf dem Kriegspfad

Leipzig wächst! Doch wenn es nach Oberbürgermeister Burkhard Jung geht,  nicht schnell genug. Denn statt nur auf Wachstum durch Zuzug setzt er vor allem auf Wachstum durch Eroberung. 

Leipzigs Oberbürgermeister nimmt die Siegesparade in Markkleeberg entgegen. (Foto warfarehistorynetwork.com)

Im vergangenen Jahr hat Burkhard Jung schon einmal laut darüber nachgedacht, die Städte Schkeuditz und Markkleeberg als Stadtteile von Leipzig einzugemeinden. Doch so wirklich gefreut haben sich die Bürgermeister dort damals nicht. Aber Burkhard Jung wäre nicht Burkhard Jung, wenn er an so einem wichtigen Thema nicht dranbleiben würde. Wie wichtig ihm das in Zukunft wird, das habe ich dank einer Zeitreise in das Jahr 2030 herausgefunden.

Den für das Satiremagazin von mephisto 97.6 produzierten Beitrag zum Nachhören:

Blutige Freiheit – Beginn des Irakkriegs vor 15 Jahren

Operation „Iraqi Freedom“ nannte das amerikanische Militär den Irakkrieg. Die völkerrechtswidrige Invasion des Iraks führte nicht nur zur Entmachtung des Langzeitdiktators Saddam Hussein, sondern stürzte auch den ganzen Mittleren Osten in bis heute andauernde politische Wirren. Vor 15 Jahren begann die Militäroperation. Ein Rückblick.

Amerikanische Panzer erreichen die Schwerter von Kadesia bei Bagdad. (Foto Technical Sergeant John L. Houghton, Jr., United States Air Force | Public Domain)

Es war in den frühen Morgenstunden des 20. März 2003 als im Stadtzentrum der irakischen Hauptstadt Bagdad die ersten schweren Detonationen zu hören waren. Die Marschflugkörper galten aber nicht etwa militärischen Einrichtungen. Vor allem das Regierungsviertel von Bagdad sowie mutmaßliche Aufenthaltsorte von Saddam Hussein standen auf der Abschussliste. Noch in der Nacht erklärte der damalige Präsident der USA, George W. Bush in einer Fernsehansprache, warum man sich nun im Krieg befände.

„At this hour, American and coalition forces are in the early stages of military operations to disarm Iraq, to free its people and to defend the world from grave danger. On my orders, coalition forces have begun striking selected targets of military importance to undermine Saddam Hussein’s ability to wage war. These are opening stages of what will be a broad and concerted campaign.“
George W. Bush, damaliger US-Präsident

Im Laufe des Tages begann dann die eigentliche Invasion. Über Jordanien und Kuwait drangen vor allem amerikanische und britische Bodentruppen in den Irak ein. Relativ schnell erreichten die Soldaten das Ziel ihrer Operation – Bagdad. Die Hauptstadt galt bereits kurz nach Kriegsbeginn als befreit. Nachdem auch der vermeintlich letzte Widerstand im Land gebrochen war, erklärte Präsident Bush am 1. Mai 2003, also nur wenige Wochen nach Kriegsbeginn „Mission Accomplished“.

„Major combat operations in Iraq have ended. In the battle of Iraq, the United States and our allies have prevailed.“
George W. Bush

Doch an eine friedliche Zukunft war im Irak da noch längst nicht zu denken. Bis 2011 waren Truppen der sogenannten „Koalition der Willigen“ im Irak stationiert. Vor allem amerikanische Soldaten erlitten während ihrer Besatzungszeit durch Hinterhalte, Bomben- und Selbstmordanschläge hohe Verluste. Noch heute ist die politische Situation im Irak unübersichtlich und der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten ungelöst. Darüber hinaus war der Einmarsch der Koalitionstruppen in den Irak völkerrechtswidrig. Denn er hatte nicht die Zustimmung des UN-Sicherheitsrats. Der damalige Außenminister Powell hatte behauptet, den US-Geheimdiensten lägen Informationen vor, wonach der Irak biologische Waffen herstellen könne und sie in Kürze einsetzen wolle:

„One of the most worrisome things that emerges from the thick intelligence file we have on Iraq’s biological weapons is the existence of mobile production facilities used to make biological agents. Let me take you inside that intelligence file and share with you what we know from eyewitness accounts. We have firsthand descriptions of biological weapons factories on wheels and on rails.The trucks and train cars are easily moved and are designed to evade detection by inspectors. In a matter of months, they can produce a quantity of biological poison equal to the entire amount that Iraq claimed to have produced in the years prior to the Gulf War.“
Colin Powell, damaliger US-Außenminister

 Doch die Zweifel zahlreicher Mitglieder des UN-Sicherheitsrats an der Echtheit der präsentierten Beweise überwogen. Auch der deutsche Außenminister Joschka Fischer schenkte den Amerikanern wenig Glauben, wie er auf der Münchner Sicherheitskonferenz kurz vor Kriegsbeginn deutlich machte:

„You have to make the case, and to make the case in a democracy you have to be convinced yourself, and excuse me I am not convinced, this is my problem and I cannot go to the public and say, well let’s go to war because there are reasons and so on, and I don’t believe in that.“
Joschka Fischer, damaliger Bundesaußenminister

Wie sein Außenminister machte auch Bundeskanzler Gerhard Schröder klar, dass es eine deutsche Beteiligung am Irakkrieg unter keinen Umständen geben werde.

„Es bleibt dabei. Unter meiner Führung wird sich Deutschland an einer Intervention im Irak nicht beteiligen.“
Gerhard Schröder, damaliger Bundeskanzler

 Nicht nur Deutschland, auch Frankreich widersetzte sich dem amerikanischen Wunsch an einer Kriegsbeteiligung der beiden NATO-Partner. Für den damaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Grund genug, um von einem „alten“ und nun bedeutungslosen und einem „neuen“ Europa zu reden. Doch auch in Deutschland sorgte die Entscheidung der Bundesregierung für erhebliche Kritik. Am lautesten äußerte dies die damalige Oppositionsführerin im Bundestag, Angela Merkel.

„Ich sage Ihnen: Sie sind seit Wochen auf einem Irrweg. Das Schlimmste ist – das sage ich mit großem Ernst; das ist meine feste Überzeugung –, dass insbesondere Ihr Verhalten (…) den Krieg im Irak leider nicht unwahrscheinlicher, sondern wahrscheinlicher gemacht hat; denn Sie haben den Druck auf Saddam Hussein verringert.“
Angela Merkel, damalige CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende

Erst Monate nach dem Einmarsch stellte sich heraus, dass der Irak – anders als zuvor von den USA behauptet – nicht über biologische Massenvernichtungswaffen verfügte. Die vermeintlichen Beweise, mit denen der Irakkrieg vor dem UN-Sicherheitsrat gerechtfertigt werden sollte, stellten sich als falsch und zum Teil als frei erfunden heraus. Für die Opfer des Krieges kam diese Erkenntnis jedoch zu spät. Als die amerikanischen Truppen 2011 den Irak verließen, haben 30.000 irakische und fast 5.000 amerikanische Soldaten sowie bis zu einer halben Million Zivilisten ihre Leben verloren.

Der für mephisto 97.6 produzierte Beitrag zum Nachhören:

Zwischen Journalismus und Politik

Er schrieb Reden für Willy Brandt und erklärte den Hauptstadtjournalisten als Bundespressesprecher die Politik der ersten rot-grünen Bundesregierung. Nun erschien Uwe-Karsten Heyes Autobiographie „Und nicht vergessen“.

Für mephisto 97.6 im Gespräch mit Uwe-Karsten Heye. (Foto Conny Poltersdorf)

Mitten in den Wirren des von Deutschland verursachten Weltkriegs erblickte Uwe-Karsten Heye im zweiten Kriegsjahr das Licht der Welt im böhmischen Reichenberg (heute Liberec) und fast hätte er das Kriegsende nicht erlebt. Auf der Flucht vor der Roten Armee sollte die Familie im Januar 1945 eigentlich auf der „Wilhelm Gustloff“ in Sicherheit gebracht werden. Kurzfristig entschloss sich die Mutter aber, statt der Überfahrt von Danzig nach Rostock den vermeintlich gefährlicheren Landweg mit der Bahn zu nehmen. Kurz darauf versenkte ein sowjetisches U-Boot das einstige KdF-Kreuzfahrtschiff – bis heute die größte Schifffahrtskatastrophe der Menschheit. Der Flucht vor der Roten Armee folgte wenige Jahre später die Flucht aus der neu gegründeten DDR – erst nach Hamburg, später nach Mainz.

Ära Adenauer

Hier begann auch Heyes journalistische Karriere. Zunächst schrieb er als Lokalreporter für die Mainzer Allgemeine Zeitung. Später wurde er Hauptstadtkorrespondent für die Süddeutsche Zeitung. Über diese biographischen Details schreibt Heye in seiner Autobiographie ebenso wie über die als „bleierne Zeit“ in Erinnerung gebliebene Ära Adenauer. Seine Erfahrungen zeigen, wie brüchig der Frieden der Nachkriegszeit war und wie scheinheilig mit der Kriegsverantwortung in Bonn umgegangen wurde. Heyes Erinnerungen an diese Zeit, die vor allem die große politische Bühne beleuchten, erlauben einen tiefen Blick in eine Persönlichkeit, die von den Folgen der Naziherrschaft stark geprägt wurde. Da wundert es kaum, dass Heye den Autoren Heinrich Böll und den als Nazijäger bekannt gewordenen Staatsanwalt Fritz Bauer als seine Idole bezeichnet.

Im Kanzleramt

1974 begann er dann, für Willy Brandt als Redenschreiber und Pressereferent zu arbeiten. Heyes Respekt vor der Leistung des Kanzlers, der nicht nur mehr Demokratie wagen wollte, sondern auch maßgeblich für eine Entspannung der politischen Blöcke in Europa sorgte, lässt sich aus fast jeder Seite dieses Buches herauslesen. Für Herbert Wehner, den langjährigen Fraktionsvorsitzenden der Sozialdemokraten, der nach Einschätzung Heyes den Kanzler Brandt mit der abfälligen Äußerungen: „Der Herr Bundeskanzler badet gerne lau“, während der Guillaume-Affäre zum politischen Abschuss freigab, findet Heye zwar keine Bewunderung, aber doch zumindest Verständnis.

Berliner Republik

Kurz nach der Wende wird Heye Pressesprecher unter Gerhard Schröder. Zunächst für die Landesregierung in Niedersachsen, später dann auch in Berlin für die erste rot-grüne Bundesregierung. Ein politisches Experiment sei das gewesen, wie Heye findet. Ob das Experiment letztendlich erfolgreich war, lässt er offen und überlässt die Entscheidung dem Leser. Er zeigt aber, wie schnell sowohl politische als auch gesellschaftliche Gewissheiten fast über Nacht verschwanden und plötzlich neue Ideen her mussten. Seien es die Folgen der New Economy, denen Schröder mit der Agenda 2010 einst etwas entgegensetzen wollte, der Zusammenbruch ganzer Staaten in Osteuropa und auf dem Balkan, die quasi vor der deutschen Haustür zu Kriegen führte oder die politische Zeitenwende, die den Anschlägen vom 11. September in den Vereinigten Staaten folgte.

Fazit

Uwe-Karsten Heye wollte mit seiner Biographie ein ganz persönliches Geschichtsbuch vorlegen und man kann getrost sagen, das ist ihm auch gelungen. Neben berührenden Kindheitserinnerungen teilt er mit uns einen Blick in die Hinterzimmer der deutschen Politik. Durch Heyes Erinnerungen an politische Schwergewichte und durch seine historische Einordnung wird deutsche Geschichte nahbar und verständlich. Auch auf seine zu Beginn des Buches gestellte Frage, was versäumt wurde, dass wir es trotz der deutschen Geschichte heute erneut mit einem wachsenden Rechtsextremismus zu tun haben, gibt Heyes Autobiographie Antworten.

Auf der Leipziger Buchmesse habe ich für Mephisto 97.6 mit Uwe-Karsten Heye gesprochen. Im Interview geht es um Heyes politisches Leben zwischen Willy Brandt und Gerhard Schröder. Außerdem sprechen wir über über Fehler der Vergangenheit und was wir der Zukunft willen aus ihnen lernen sollten. Das Interview können Sie hier nachhören:

Die Sozialdemokraten haben nichts dazugelernt

Mit der sogenannten GroKo hat  sich die SPD lange auseinandergesetzt. Nun haben sich die Parteimitglieder zu einer klaren Haltung durchgerungen. Hoffentlich haben sich die Sozialdemokraten da nicht ihr eigenes Grab geschaufelt haben. Ein Kommentar.„Wir wollen mehr Demokratie wagen!“ – Mit diesen Worten setzte Bundeskanzler Willy Brandt in seiner ersten Regierungserklärung vor fast einem halben Jahrhundert einen neuen Maßstab für die Sozialdemokratie. Mit dem Wagnis für mehr Demokratie sorgte Brandt dafür, dass die Sozialdemokraten als eine Partei der Hoffnung und Erneuerung betrachtet wurden. Ein halbes Jahrhundert später ist von beidem nur wenig geblieben.

Seit der Bundestagswahl hat die einst stolze und traditionsreiche Partei einen Affentanz aufgeführt der seinesgleichen sucht. Von einer kategorischen Absage an die Groko hin zu einem von der Parteibasis legitimierten „Weiter so“. Mit Erneuerung hat das nichts zu tun und Hoffnungen in diese Koalition zu setzen, fällt nicht leicht. Dafür sorgt nicht zuletzt der ausgehandelte Koalitionsvertrag. Der besteht eigentlich nur aus Willensbekundungen und ein paar warmen Worten – ein deutliches Anzeichen, dass die kommenden drei Jahre kaum mehr als ein Durchwurschteln der Koalitionspartner werden.

Aber auch die Weigerung der SPD, die Besetzung ihrer Ministerposten im Vorfeld bekanntzugeben, trug nicht gerade dazu bei, Vertrauen aufzubauen. Aber alles hat bekanntlich ein Ende und am Ende dieser Legislaturperiode steht bereits in 3 ½ Jahren eine neue Bundestagwahl. Die könnte dann auch tatsächlich zu einer Schicksalswahl für die Sozialdemokraten werden. Denn auch wenn das ein oder andere Herzensanliegen der SPD im Koalitionsvertrag festgehalten werden konnte, das Hin und Her der vergangenen Monate werden die Wähler kaum vergessen.

Die Sozialdemokraten hatten eine Möglichkeit, sich nach den Hartz-Reformen wieder so etwas wie Glaubwürdigkeit zurückzuholen. Sie hätten sich mit einem Gang in die Opposition auch an die sozialdemokratischen Grundideen erinnern können. Doch die Genossen haben es ohne Zweifel geschafft, diese Chance ungenutzt zu lassen. Stattdessen folgten sie dem Ruf der vermeintlichen staatspolitischen Verantwortung.

Doch auch innerhalb der Partei liegt so einiges im Argen. Das hat nicht zuletzt der Umgang mit dem einstigen Parteivorsitzenden Martin Schulz gezeigt. Erst wurde er als der große Messias gefeiert, dann nach der Wahlschlappe eiligst vom Hof gejagt. Von der sonst in der SPD hochgehaltenen Solidarität war da nichts mehr zu spüren. Seien wir ehrlich, wenn eine Partei ihre politischen Ideale nicht einmal mehr selbst lebt, dann muss sie sich auch die Frage der Daseinsberechtigung stellen.

Und mit dem deutlichen Ergebnis des Mitgliedervotums ist nun auch klar, es waren die SPD-Mitglieder selbst, die einen weiteren, vielleicht letzten Sargnagel in die Sozialdemokratie geschlagen haben.

Der Live-Kommentar zum Nachhören:

Strategielose Mobilitätsstrategie

Leipzig zählt zu einer der dynamischsten und am stärksten wachsenden Großstädte Deutschlands. Das hat auch Auswirkungen auf den Verkehr. Diesen will die Stadt mit der Mobilitätsstrategie 2030 begegnen. Ein Kommentar.

Straßenbahn in Leipzig (Foto Johannes Kazah | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0)

Ich muss schon zugeben, der Nahverkehr in Leipzig funktioniert eigentlich ziemlich gut. Denn obwohl ich ohne Auto oder Fahrrad lebe, bin ich mit Bus und Bahn bislang immer gut durch die Stadt gekommen. Doch wer weiß, wie lange das noch so sein wird. Denn die Feststellung, dass Leipzig wächst – die ist bei den Verkehrsplanern der Stadt erst relativ spät angekommen.
Beispiel Straßenbahn

Das Straßenbahnnetz wurde in den letzten Jahren nicht ausgebaut. Stattdessen wurden seit der Wende in beispiellosen Maße Linien und Strecken eingestellt. Ein Umdenken ist bislang auch nicht erkennbar. Denn konkrete Pläne für einen Ausbau gibt es noch nicht. Weiterhin sind viele Streckenabschnitte nach jahrelangem Investitionsstau verschlissen. Die Folgen dieser Entwicklung sieht man immer dann, wenn RB im Stadion ein Heimspiel hat – die LVB ist schlicht überfordert.

Schlechtes Timing

Nun ist das Rathaus aber doch noch aufgewacht und arbeitet an der Mobilitätsstrategie 2030. Hinter diesem langweilig klingenden Namen verbirgt sich nach Angaben der Stadt eine Vision – eine Vision, Mobilität sicher, zuverlässig, sauber und bezahlbar zu gestalten. Klingt ganzschön hochtrabend, oder? Jetzt ein Verkehrskonzept vorzulegen, dass schon in zwölf Jahren seine Wirkung entfalten soll, ist keine Vision sondern schlicht und ergreifend Wahnsinn. Aber auch unabhängig vom Zeitplan: Schaut man sich die zur Auswahl stehenden Szenarien mal genauer an, offenbart sich alles andere als eine Vision. Allein die Tatsache, dass zwei der sechs Szenarien an den jetzigen Verkehrsplanungen festhalten wollen, kann doch nur als Witz verstanden werden.

Sechs Szenarien

Leipzig wird in den nächsten Jahren wachsen und sich stark verändern. Und diese Veränderungen werden sich auch in den Verkehrsströmen bemerkbar machen. Schlimm genug, dass so lange überhaupt nichts passiert ist. Doch jetzt auch noch am Status Quo festhalten zu wollen – egal ob mit oder ohne Fahrpreiserhöhung im Nahverkehr – kann überhaupt keine Option sein.

Keine Straßenbahnerweiterung

Auch die vier weiteren Szenarien offenbaren großes Problempotenzial. Zum Beispiel das Vorrang-Szenario für den ÖPNV. Mehr Fahrgäste für Bus und Straßenbahn gewinnen, klingt eigentlich nicht so schlecht, oder? Von einer Erweiterung des Straßenbahnnetzes oder abgestimmten Anschlüssen zur S-Bahn ist hier jedoch keine Rede. Auch im Fahrradstadt-Szenario wird es nicht erwähnt. Zwar wird darin der ÖPNV als Rückgrat der Mobilität angesehen, doch auch hier soll es beim bestehenden Netz bleiben.

Solidarfinanzierung

Immerhin ist im Nachhaltigkeitsszenario noch von einer möglichen Erweiterung des Straßenbahnnetzes die Rede. Doch wie das genau finanziert werden soll, dazu schweigt sich das Papier aus. Das Gemeinschaftsszenario hat mit seinem solidarischen Bürgerticket darauf eine Antwort. Problem ist nur, in Deutschland gibt es bislang kein funktionierendes Nahverkehrsnetz, das sich auf diese Weise finanziert. Leipzig würde also ein Pilotprojekt starten, dessen Erfolg alles andere als sicher ist.

Gut gemeint

Keine Frage, die Szenarien, die den Stadträten für die Mobilitätsstrategie zur Auswahl stehen, klingen zum Teil interessant doch kaum umsetzbar. Gut gemeint ist eben noch lange nicht gut gemacht.


Erklärstück mit den Hintergrundinformationen:

Mit der Mobilitätsstrategie 2030 will die Stadt Lösungen für die städtische Mobilität in Zukunft finden. Dafür wurde in den vergangenen Monaten der Verkehr in Leipzig analysiert, Prognosen erstellt und verschiedene Modelle analysiert. Herausgekommen sind sechs mögliche Szenarien:

Doch keine Polizisten in den Trams?

Anfang Dezember, haben die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) und die Polizei ihre bereits bestehende Kooperationsvereinbarung verlängert. Eines der Ziele war es, Polizisten in der Straßenbahn auf Streife zu schicken.

Leipziger Straßenbahn (Foto: LVB)

Schon seit einigen Jahren arbeiten Polizei und Leipziger Verkehrsbetriebe bei Großveranstaltungen eng zusammen. Diese Zusammenarbeit sollte seit Dezember eigentlich noch intensiviert werden. So sollen die Beamten künftig auch im Linienbetrieb der LVB Präsenz zeigen.

Anfrage deckt auf

Der Landtagsabgeordneten Juliane Nagel haben diese Aussagen jedoch Sorgen bereitet. Sie befürchtete, dass die Polizei künftig in einem Großteil der Straßenbahnen mitfahren würden. Dadurch würde ein falsches Bild der Sicherheitslage suggeriert werden. Daher wollte sie von der Landesregierung wissen, wie oft die Polizei in den Fahrzeugen der LVB unterwegs sein wird.

Mit der Antwort, die sie vom sächsische Innenministerium nun erhielt, hat sie aber nicht gerechnet. Denn statt regelmäßigen Kontrollen ist lediglich von einer sogenannten Komplexkontrolle pro Quartal die Rede. Dabei unterstützt die Polizei die Kontrolleure der LVB lediglich bei der Fahrkartenkontrolle.

Andreas Loepki, Sprecher der Leipziger Polizei, stellt aber klar, dass die Beamten trotzdem häufiger mit den Bahnen fahren werden. Er räumt zudem ein, dass sich der Polizeipräsident grundsätzlich etwas unklar ausgedrückt hat.

Einige Vorteile

Das Personalproblem bei der Polizei kann auch die Kooperationsvereinbarung natürlich nicht lösen. Aber zumindest die darin vereinbarte bessere Kommunikation zwischen LVB und Polizei ist zum Teil schon umgesetzt. Zuständig hierfür ist ein Sicherheitsbeauftragter auf Seiten der LVB. Für Mark Backhaus, Pressesprecher der LVB, ist dieser ein wichtiges Bindeglied.

Auch Juliane Nagel kann dieser neu eingerichteten Stelle durchaus etwas Positives abgewinnen. Doch aus ihrer Sicht wird die Sicherheitslage in Leipzig grundsätzlich falsch eingeschätzt.

Der Beitrag zum Nachhören:

Neuer City-Tunnel durch Leipzig?

Die Frage, wie wir in Zukunft in Leipzig von einem Stadtteil zum nächsten kommen, ist aktuell eine der großen Debatten in der Stadt. Die einen plädieren für mehr Radwege, andere fordern den Ausbau von Straßen. Während Oberbürgermeister Jung für die Idee eines zweiten City-Tunnels zu brennen scheint, halte ich von seinem Vorstoß eher wenig. Ein Kommentar.

S-Bahnhof Leipzig Markt (Foto Quityergreeting | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0)

Leipzig wächst. Das dürfte mittlerweile jeder in der Stadt mitbekommen haben. Immer mehr Einwohner, das stellt die Stadt natürlich auch vor Herausforderungen. Den einen begegnet die Stadt besser, den anderen eher schlechter. Zumindest beim Thema Mobilität will Oberbürgermeister Jung nun aber alles richtig machen. Während die meisten politischen Akteure sich noch darüber streiten, wie der Verkehr auf den Straßen in Zukunft aussehen soll, geht Jung der Debatte einfach aus dem Weg. Statt sich mit der mühsamen Diskussion um überirdische Verkehrswege aufzuhalten, taucht er in den Untergrund ab – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein zweiter City-Tunnel muss her, findet zumindest das Stadtoberhaupt. Von Osten nach Westen soll die neue Bahnröhre führen. Doch so Neu ist die Idee freilich nicht. Gefühlt einmal im Quartal spricht sich Jung für dafür aus, nur um den eigenen Vorschlag danach wieder in den verzweigten Gängen der Stadtverwaltung verschwinden zu lassen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, einen zweiten City-Tunnel zu bauen, finde ich grundsätzlich eine tolle Idee. Doch wenn ich so überlege, was für andere tolle Vorschläge so in letzter Zeit aus dem Rathaus gekommen sind… Ich erinnere nur an die „hervorragende“ Eingebung, die umliegenden Städte einzugemeinden.

Aber auch wenn der Tunnel-Vorstoß eine gute Idee sein mag, Jung sollte sich endlich einmal in die viel dringendere Diskussion einschalten, wie der oberirdische Verkehr in Zukunft aussehen soll. Vor allem ein zukunftsfähiges Konzept für den gesamten Nahverkehr muss endlich her. Denn das Bevölkerungswachstum wird sich vor allem in den Fahrgastzahlen bei Bussen und Straßenbahnen bemerkbar machen. Auch die Entwicklung eines guten Radwegenetzes durch die Stadt ist längst überfällig und wurde von der Stadt lange Zeit verschlafen. So gesehen ist es einfach nur ärgerlich, dass Jung die drängendsten Probleme in Leipzig auf die lange Bank schiebt und sich stattdessen um die großen Prestigeprojekte kümmert. Denn mit dem Citytunnel scheint es ihm nun doch etwas ernster zu sein. Schließlich hat er Ministerpräsident Michael Kretschmer mit ins Boot geholt. Der will die Stadt nun zumindest bei der Planung unterstützen.

Aber auch wenn dieser Tunnel wirklich einmal gebaut werden sollte, es wird Jahrzehnte dauern, bis er in Betrieb gehen kann. Selbst Jung hat eingeräumt, dass es sich bei dem zweiten Tunnel um ein Generationenprojekt handelt. Vielleicht hat die Stadt bis dahin auch endlich eine Lösung gefunden, wie man den S-Bahnhof Leipzig Markt mal sauber bekommt.

Der Beitrag zum Nachhören:

Weltmusik aus Schottland

Neben den großen Events wie „Rock am Ring“ oder „Splash!“ verschönerten uns auch zahlreiche kleinere Festivals den letzten Sommer in Deutschland. Ein ganz besonderes fand Anfang Juli in Thüringen statt.

Asaf Avidan war einer der Headliner des Rudolstadt-Festivals 2017 (Foto T. Tasler)

Schon kurz nach der Wende begann das kleine Rudolstadt im Sommer zu einem Mekka für Freunde der handgemachten, folkloristischen Musik zu werden. Was einst als Tanz- und Folkfestival am Fuße der Heidecksburg, dem Wahrzeichen Rudolstadts, begann, ist heute das Rudolstadt Festival. Eines der größten und bekanntesten Festivals dieser Art in ganz Europa. Neben musikalischen Topacts geben sich hier auch Straßenmusiker aus aller Herren Länder die Klinke in die Hand. Mit über 300 Konzerten an vier Festivaltagen wird der Weltmusik nach allen Regeln der Kunst gehuldigt.

Ein Publikumsmagnet war auch das Tanzzelt. (Foto T. Tasler)

Wie in jedem Jahr, gab es auch dieses Mal wieder einen Länderschwerpunkt. Standen in der Vergangenheit schon die Vereinigten Staaten von Amerika, Kolumbien oder Korea im Zentrum, durften heuer wohl vor allem Dudelsackfans und Whiskygenießer voll auf ihre Kosten kommen. Das Land des rauen Wetters und des kultivierten Männerrocks gehört zu den musikalisch wohl vielseitigsten Regionen Europas und davon konnte ich mich für  mephisto 97.6 vor Ort selbst überzeugen.

Der Beitrag zum Nachhören: