Per pedes das Henneberger Land entdecken

Henneburg
Panorama Burgruine Henneberg (Foto T. Tasler)

Nachdem uns letzte Woche Tief „Rolf“ mit seinen ständigen Regengüssen und Sturmböen malträtiert hat, haben wir es Hoch „Oldenburgia“ zu verdanken, dass wir am vergangenen Sonntag wieder in den Genuss eines goldenen Herbsttages kamen. Eine gute Gelegenheit, um auf Schusters Rappen das Henneberger Land zu erkunden.

Beginn meiner Tour war heuer in Henneberg. Obwohl im Ort Kirmes gefeiert wurde und die Verlockung eines kräftigenden Frühschoppen groß war, ging es zunächst hinauf auf die Henneburg, um einen schönen Ausblick über die Region genießen zu können. Hohe Geba, Kreuzberg, Dolmar und Gleichberge waren gut zu sehen und die Blaskapelle der Henneberger Kirmes untermalte das faszinierende Panorama musikalisch. Neben einer tollen Aussicht ist die Burgruine jedoch auch historisch bemerkenswert, schließlich wurde sie bereits Ende des 11. Jahrhunderts errichtet und war lange Zeit der Stammsitz der Grafen von Henneberg. Jenes fränkisches Adelsgeschlechts, dass bis heute namensgebend für die kulturhistorische Landschaftsbezeichnung großer Teile Südthüringens ist.

Nach einer guten halben Stunde auf dem Burgberg machte ich mich nun an den Abstieg und folgte dem Burgenwanderweg in Richtung Steinsburg auf dem Kleinen Gleichberg. Dieser führt über Bauerbach und Bibra größtenteils durch ausgedehnte Waldgebiete und so blieb es abgesehen von einigen Forstarbeitern und wenigen Radfahrern auf meiner Tour recht ruhig und ich konnte die herbstlich gefärbte Landschaft in vollen Zügen genießen.

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Farbenpracht bei Bibra (Foto S. Tasler)

Nach einiger Zeit erreichte ich die zwischen Bauerbach und Bibra gelegene und bereits 1973 eingeebnete Siedlung Kätzerode. Infolge der Bodenreform nach dem 2. Weltkrieg verlor die Siedlung ihre landwirtschaftliche Bedeutung und so wurden die damals noch vorhandenen aber bereits stark verfallenen Gebäude letztendlich abgerissen. Aus einem Gebäude entstand jedoch das Kinderferienlager des VEB „Welton“ Meiningen. Aufgrund der Nähe zur ehemaligen innerdeutschen Grenze wurde aber auch diese Anlage eingeebnet, um potentiellen Republikflüchtlingen keinen Unterschlupf zu bieten. Ein ganz ähnliches Schicksal wiederfuhr auch der Siedlung Aroldshausen, gelegen zwischen Jüchsen und Queienfeld.

Nach einer kurzen Pause unter der von der Zerstörung verschonten „Ferienlinde“ Kätzerodes ging es für mich nun hinauf zu den oberhalb der ehemaligen Siedlung gelegenen „Katzenlöchern“. Dieses geologische Naturdenkmal mit seinen vielen schönen Felsformationen zu finden, gestaltete sich zu einem durchaus anspruchsvollen Unterfangen, da weder in den bekannten Wanderkarten, noch an den örtlichen Wegweisern ein entsprechender Hinweis darauf zu finden ist. Dank GPS-Unterstützung (Koordinaten: 50° 28′ 53“ N, 10° 23′ 42“ O) und einem einigermaßen funktionierenden Orientierungssinn wurde ich jedoch nach einer guten Stunde Suche im Dickicht fündig und blickte in einen kleinen „Grand Canyon“. Bei diesem handelt es sich um die sichtbaren Folgen eines Bergsturzes im Unteren Muschelkalk, nachdem die oberen Gesteine des Muschelkalks auf dem darunter liegenden tonigen Gestein des Oberen Bundsandsteins – durch Regen- und Schmelzwasser zu schmierigen und rutschigen Gleitbahnen verwandelt – abrutschten und zerbrachen. Eine Erscheinung, die im Henneberger Land recht häufig zu finden ist.

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Katzenlöcher bei Kätzerode (Foto T. Tasler)
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Der Autor vor den vorstehenden Felsen der Katzenlöcher (Foto: S. Tasler)

Etwas verausgabt von der intensiven Suche begann ich wieder den Abstieg in Richtung Kätzerode und machte mich auf den weiteren Weg in die Ortschaft Bibra, die nicht nur mit dem in der St.-Leo-Kirche vorhandenen Apostelaltar, Kirchenväteraltar und Verkündigungsaltar des bedeutenden Bildschnitzers und Bildhauers Tilman Riemenschneider aufwarten kann. Besonders sehenswert ist auch die Burg Bibra, die seit ca. 1100 zum Familienbesitz des fränkischen Uradelsgeschlechts Bibra gehört und von diesem zum Teil auch noch bewohnt wird. Direkt vor der Burg gelegen, befindet sich der Oskar-Meyer-Platz, auf dem seit 2007 ein Denkmal an die in den Jahren 1933 bis 1945 vertriebenen, verschleppt und ermordeten Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Bibra erinnert.

Eine kleine Verschnaufpause später ließ ich Bibra hinter mir und unterquerte die Autobahn 71, sodass lediglich der Jüchsener Hausberg „Honigberg“ zwischen mir und meinem heutigen Tagesziel, der Ortschaft Jüchsen lag. Die Sonne sank nun zusehends tiefer und die Luft kühlte sich merklich ab, sodass der letzte Anstieg des Tages schnellen Schrittes bewältigt wurde. Ich erreichte den unterhalb des Honigberg-Gipfels gelegenen Aussichtspunkt „Weinberge“ und hoffte, bevor ich in das Jüchsetal hinabstieg, noch einen letzten Blick auf die Rhön und den Kreuzberg werfen zu können. Doch seit Beginn der Wanderung hat sich die Sicht trotz des guten Wetters so stark eingetrübt, dass der Kreuzberg nur noch zu erahnen war und sich die Rhön gleich gar nicht mehr zeigen wollte.

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Wanderweg am Honigberg (Foto S. Tasler)

Zwar verwehrte Petrus mir ein abschließendes Fernpanorama, doch in Anbetracht eines rundum gelungenen und farbenfrohen Herbstwandertags sei ihm verziehen. Schließlich kommt man nicht alle Tage nach knapp über 20 zurückgelegten Wanderkilometern trockenen Fußes an sein Ziel.