Strategielose Mobilitätsstrategie

Leipzig zählt zu einer der dynamischsten und am stärksten wachsenden Großstädte Deutschlands. Das hat auch Auswirkungen auf den Verkehr. Diesen will die Stadt mit der Mobilitätsstrategie 2030 begegnen. Ein Kommentar.
Straßenbahn in Leipzig (Foto Johannes Kazah | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0)
Ich muss schon zugeben, der Nahverkehr in Leipzig funktioniert eigentlich ziemlich gut. Denn obwohl ich ohne Auto oder Fahrrad lebe, bin ich mit Bus und Bahn bislang immer gut durch die Stadt gekommen. Doch wer weiß, wie lange das noch so sein wird. Denn die Feststellung, dass Leipzig wächst – die ist bei den Verkehrsplanern der Stadt erst relativ spät angekommen.
Beispiel Straßenbahn

Das Straßenbahnnetz wurde in den letzten Jahren nicht ausgebaut. Stattdessen wurden seit der Wende in beispiellosen Maße Linien und Strecken eingestellt. Ein Umdenken ist bislang auch nicht erkennbar. Denn konkrete Pläne für einen Ausbau gibt es noch nicht. Weiterhin sind viele Streckenabschnitte nach jahrelangem Investitionsstau verschlissen. Die Folgen dieser Entwicklung sieht man immer dann, wenn RB im Stadion ein Heimspiel hat – die LVB ist schlicht überfordert.

Schlechtes Timing

Nun ist das Rathaus aber doch noch aufgewacht und arbeitet an der Mobilitätsstrategie 2030. Hinter diesem langweilig klingenden Namen verbirgt sich nach Angaben der Stadt eine Vision – eine Vision, Mobilität sicher, zuverlässig, sauber und bezahlbar zu gestalten. Klingt ganzschön hochtrabend, oder? Jetzt ein Verkehrskonzept vorzulegen, dass schon in zwölf Jahren seine Wirkung entfalten soll, ist keine Vision sondern schlicht und ergreifend Wahnsinn. Aber auch unabhängig vom Zeitplan: Schaut man sich die zur Auswahl stehenden Szenarien mal genauer an, offenbart sich alles andere als eine Vision. Allein die Tatsache, dass zwei der sechs Szenarien an den jetzigen Verkehrsplanungen festhalten wollen, kann doch nur als Witz verstanden werden.

Sechs Szenarien

Leipzig wird in den nächsten Jahren wachsen und sich stark verändern. Und diese Veränderungen werden sich auch in den Verkehrsströmen bemerkbar machen. Schlimm genug, dass so lange überhaupt nichts passiert ist. Doch jetzt auch noch am Status Quo festhalten zu wollen – egal ob mit oder ohne Fahrpreiserhöhung im Nahverkehr – kann überhaupt keine Option sein.

Keine Straßenbahnerweiterung

Auch die vier weiteren Szenarien offenbaren großes Problempotenzial. Zum Beispiel das Vorrang-Szenario für den ÖPNV. Mehr Fahrgäste für Bus und Straßenbahn gewinnen, klingt eigentlich nicht so schlecht, oder? Von einer Erweiterung des Straßenbahnnetzes oder abgestimmten Anschlüssen zur S-Bahn ist hier jedoch keine Rede. Auch im Fahrradstadt-Szenario wird es nicht erwähnt. Zwar wird darin der ÖPNV als Rückgrat der Mobilität angesehen, doch auch hier soll es beim bestehenden Netz bleiben.

Solidarfinanzierung

Immerhin ist im Nachhaltigkeitsszenario noch von einer möglichen Erweiterung des Straßenbahnnetzes die Rede. Doch wie das genau finanziert werden soll, dazu schweigt sich das Papier aus. Das Gemeinschaftsszenario hat mit seinem solidarischen Bürgerticket darauf eine Antwort. Problem ist nur, in Deutschland gibt es bislang kein funktionierendes Nahverkehrsnetz, das sich auf diese Weise finanziert. Leipzig würde also ein Pilotprojekt starten, dessen Erfolg alles andere als sicher ist.

Gut gemeint

Keine Frage, die Szenarien, die den Stadträten für die Mobilitätsstrategie zur Auswahl stehen, klingen zum Teil interessant doch kaum umsetzbar. Gut gemeint ist eben noch lange nicht gut gemacht.


Erklärstück mit den Hintergrundinformationen:

Mit der Mobilitätsstrategie 2030 will die Stadt Lösungen für die städtische Mobilität in Zukunft finden. Dafür wurde in den vergangenen Monaten der Verkehr in Leipzig analysiert, Prognosen erstellt und verschiedene Modelle analysiert. Herausgekommen sind sechs mögliche Szenarien: